„Kriegerkapelle“ heißt im Volksmund in Bödexen ein kleiner kirchlicher Raum am Zusammenfluss von Saumer und Mühlenbach. Die Bezeichnung setzt sich zusammen aus „Krieger“ und „Kapelle“. Auf Wikipedia heißt es dazu: Krieger > Teil eines planmäßig vorgehenden Kollektivs, welches unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt seine Interessen durchsetzen will. Und zu Kapelle > kleiner kirchlicher Raum, auch Orchester. Muss man zu der Fragwürdigkeit des Begriffes „Kriegerkapelle“ noch etwas sagen?

Das Läuten der über 360 Jahre alten Sankt-Stephanus-Glocke für den Frieden am Samstag, dem 21. September 2019, gibt Anlass zu tiefer gehendem Nachdenken.
Wer mit dem Glockenklang im Ohr die Namen auf der rechten Tafel durchgeht, stutzt kurz vor dem Ende der 41 Namen umfassenden Liste. Mit „Margarethe“ steht da plötzlich ein weiblicher Vorname.

Wer war Margarethe Birkenbach, dass sie mit „Kriegern“ hier verewigt worden ist. Soldatin? Kann nicht sein. Krankenschwester im Kriegseinsatz? Könnte sein. Bombenopfer? Kann sie nicht in Bödexen geworden sein. Rätselhaft.

Hier die Geschichte: Margarethe (Grethe) war ein Flüchtling. Im Alter von 18 Jahren musste sie mit Ihrer Mutter und ihrem Bruder Rudolf aus Dortmund vor dem Bombenkrieg fliehen. Da ihre Mutter aus Bödexen (Steckers Haus) stammte, suchte man hier Zuflucht. Unterkunft fand man zunächst bei der Familie Meise (Schallek).

Krankenschwester war Margarethe tatsächlich, aber nicht im Kriegseinsatz. Auf dem Weg von Dortmund nach Bödexen hatte sie einen Koffer mit ihren Habseligkeiten, warum auch immer, in einem Krämerladen in Buke zur Aufbewahrung abgegeben. Das Osterfest stand an und am darauffolgenden Weißen Sonntag sollte ihr Bruder Rudolf zur 1. Hl. Kommunion gehen. Da fehlte ihr ein entsprechendes Kleid, das sich im Koffer befand. Margarethe, die als „eine ganz Resolute“ beschrieben wurde, machte sich gegen den Willen ihrer Mutter auf den Weg nach Buke, um ihren Koffer zu holen. Abgesehen von dem zweistündigen Fußmarsch durch den Wald nach Höxter, ging inzwischen auch im Kreis Höxter von Kriegshandlungen eine ständige Gefahr aus.

„Ihren Koffer hat sie abgeholt“, bestätigte die Krämersfrau aus Buke später. Was danach geschah, blieb unklar. Das Altenbekener Viadukt und die wichtige Bahnlinie in Richtung Osten lagen unter ständigem Bombardement. Sie kam jedenfalls nicht mehr nach Hause und alle Nachforschungen über ihren Verbleib waren vergeblich.

Wie der Name von Margarethe Birkenbach dann 1956 auf die Gedenktafel gekommen ist, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls muss ihr vermutlicher Tod die Bödexer tief berührt haben, obwohl sie doch nur kurz der Dorfgemeinschaft angehörte. Von ihrer Großmutter weiß Andrea Hosemann, geb. Birkenbach, zu berichten, dass diese nie über den tragischen Verlust ihrer Tochter hinweggekommen sei und jegliches Gespräch darüber vermied.

Dass ihrem Vater, Otto Birkenbach, ein Schützenbruder mit Leib und Seele, bei den Kranzniederlegungen zum Auftakt der Schützenfeste das Herz schwer geworden sein muss, wenn er vor der Gedenktafel stand, hat auch er ganz für sich behalten.

Bödexen hat jedenfalls nicht geschwiegen und mit der Aufnahme auf die Gedenktafel ein Zeichen gesetzt. Mit ihrem Namen wurden alle „Krieger“ zu dem, was sie in Wirklichkeit sind: Kriegsopfer. „Sie starben, sie leben“, hat der Schmied in das Eingangstor eingehämmert.

G.W.H.

2 Fotos: Andrea Hosemann