Essay

 „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Belegt ist dieser Ausspruch zwar nicht, wurde ihm aber nicht ganz zufällig in der schwierigen, von Verzweiflung und Hoffnung geprägten Zeit nach dem 2. Weltkrieg in den Mund gelegt. Denn man weiß, dass Luther Bäume liebte und sich an ihnen erfreute. So sah er im frischen Grün der ausschlagenden Bäume im Frühling ein Sinnbild für die Auferstehung von den Toten. In den Bäumen soll er die göttliche Gnade im irdischen Leben gesehen haben.

Wieder einmal leben wir in einer Zeit zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Statt Krieg ist es ein Klimawandel, der noch gnadenloser unser Leben zerstören könnte. Das Klimapaket einer deutschen Regierung macht da zwar nur wenig Hoffnung, ein Sinneswandel vieler Menschen auf der ganzen Welt dagegen schon mehr.

Sollten wir da nicht Bäume lieben wie Martin Luther? Auf dem Lande heißt es heute häufig: „Bäume gehören in den Wald“. Doch der ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Seine toten Bäume sind ein bedrückender Anblick. Wie schön dagegen ist ein blühender Obstbaum anzusehen, der auf einer nahegelegenen Wiese steht. Wie schön, wenn er uns im Herbst leuchtende Früchte entgegenstreckt. Vergebens, wir wollen sie nicht. Vielleicht jetzt nicht. Aber was ist in ein paar Jahren oder Jahrzehnten?

Martin Luther war gewiss kein Fatalist, sondern ein Optimist. Er sah in dem Apfelbäumchen, dass er noch kurz vor dem Weltuntergang gepflanzt hätte, die Hoffnung auf eine schönere Zukunft. Bäume brauchen Zeit, bis sie blühen und Früchte tragen. Sie sind das Sinnbild für Hoffnung schlechthin.

Die Vielzahl der Obstarten und -sorten spielte in unserem Land schon immer eine große Rolle. Viele davon und das Wissen um sie sind in Vergessenheit geraten. Dies trifft vor allem auf die zahlreichen regionalen und lokalen Sorten zu, die man in unserer Region findet.

Bewegt von der Frage, wie gehen wir mit dem Erhalt unserer regionalen Identität um, geht der Kultur.Art Bödexen jetzt konkret der Frage nach „Wie bekommen wir mehr Obstbäume ins Dorf?“ Ausgangspunkt ist, dass über alte Obstsorten und Streuobstwiesen zwar viel geredet, zu ihrer langfristigen Erhaltung aber herzlich wenig getan wird. Es gab sogar schon einmal Prämien von der EU für das Abhacken von Obstbäumen.

Knackpunkt alter Obstsorten ist natürlich nicht die Anpflanzung und Pflege, sondern die nachhaltige Wiederbelebung der Verwendung ihrer Früchte. Wenn wirtschaftliches Interesse entdeckt und angeregt werden soll, muss man erst einmal erkennen, warum sie über Jahrhunderte geschätzt und selektiert worden sind.

Ein gutes Beispiel für eine ganz spezielle alte Birnensorte ist die Champagner Bratbirne, von der seit drei Jahren ein Exemplar an der Obermühle steht. Wie ihr Name schon verrät, steckt in der einfachen kleinen Birne ein hoher Genusswert, wenn man weiß, was man aus ihr machen kann. Nicht zum Verzehr geeignet, kann man aus ihr zwar keinen französischen Champagner, aber edle Getränke machen – mit und ohne Alkohol. Ihr Name ist sogar geschützt.

Direkt eben der Champagner Bratbirne steht eine Portugiesische Quitte. Auch ihre herrlich großen gelben Früchte sind nicht zum Verzehr geeignet. Doch das über ihren Saft gewonnene Gelee schmeckt sommerlich leicht und köstlich.

Dritte im Bunde ist eine Elsbeere (Schweizer Birne), die ganz langsam heranwächst. Ob und wann sie jemals Nahrungsmittel liefern wird, dafür gibt es bis jetzt keinerlei Anzeichen. So heißt es: Abwarten! Kommt schon noch.

Guter Geschmack und der traditionelle Anbau alter Obstsorten brauchen halt eine geduldige Lobby! Platz ist genügend da in unserem Dorf.

G.W.H.